Zürcher Stadtmission
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Sprachseelig - eine nächtliche Begegnung

Ende Februar war es sehr kalt, darum hatte das Café Yucca nachts offen. Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster, erzählt von seiner Begegnung mit einem Stammgast.

Die kalten Nächte haben es in sich, auch in Zürich.
«Ja, ich bin Stammgast hier, seit 2011. Ich fiel in ein Loch nach dem Tod meiner Mutter, verlor Freundin, Job und Boden unter den Füssen.» Bobby sitzt versunken im Stuhl, halb rasiert, Stammgast am Stammtisch vom Café Yucca an der Häringstrasse im Niederdorf.

Die Zürcher Stadtmission öffnete in diesen Tagen Ende Februar ihr Café Yucca auch die ganze Nacht hindurch. Sozialarbeitende von den Sozialwerken Pfarrer Sieber und der Stadtmission tragen miteinander diese kalten Nächte durch. Obdachlose, Arbeitssuchende aus Bulgarien und Rumänien, am Flughafen Kloten gestrandete und weggeschickte Irrende, Asylsuchende trudeln zu Hauf während der ganzen Nacht herein und hinaus. Sie sitzen, spielen am Handy, liegen am Boden in der Kapelle oder auf ihren Armen am Tisch und schnarchen den Himmel auf Erden herunter…

«Warum hast du dann damals vom Yucca gewusst?» Bobby lächelt, lehnt sich vor und flüstert mit verschmitzten Augen: «Unter uns Männern…. Was bist du eigentlich?» «Pfarrer am Grossmünster, der Kirche mit den beiden Türmen.» »Oh, ich bin katholisch und von Luzern. Doch ich war auch schon bei dir in der Kirche. Soll ich trotzdem… Also, unter uns Männern…. Ich stand Monate lang vor dem Yucca und schaute sie an….» «Du meinst das Bordell?» «Und dann merkte ich, dass hinter mir ja eine Beiz ist.» «Die Prostituierten also zeigten dir den Weg ins Yucca?»

«Das sind ganz liebe Frauen. Und weisst du, ich sitze fast jeden Abend da. Man trifft coole Leute. Und du beginnst einfach zu erzählen. Du musst nichts konsumieren, es ist billig. Und vor allem, man ist hier sprachseelig.» «Sprachseelig?» «Ja, lose und ghört werde, rede und verstaa werde, das macht mich seelig – ebe sprachseelig.»

«Weisst du, dass diese Beiz von der Diakonie und indirekt von der Kirche her getragen wird?» «Nein.» «Ist es für dich ein Unterschied, von der Kirche oder von andere Institutionen die Suppe zu bekommen?» «Nein, sicher nicht, es gibt keine christliche Suppe, nur eine gute Suppe. Und die hier ist super.»

Ich verabschiede mich mitten in der Nacht von Bobby, dem sprachseeligen, in die Wärme aus der kalten Stadt geführt von Frauen, auf die alle zeigen. Draussen vor der Tür stehen ein paar Männer. Sie schlottern, sie reden, sie gestikulieren, sie schauen, die Frauen winken. «Geht doch rein, da gibt’s Suppe und Tee.»

Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster und Mitglied des Vorstands Zürcher Stadtmission

Heinz ist Teil der Yucca-Familie

Heinz ist Stammgast und kommt seit fast 20 Jahren ins Café Yucca. Er hat einmal das Konservatorium besucht. Die Prüfungen waren aber eine zu hohe Hürde für ihn. Er bekam psychische Probleme und musste in die Klinik eingewiesen werden. Heinz ist nicht in der Lage einen Beruf auszuüben. Er bezieht eine IV-Rente und wohnt in einer kleinen Wohnung ganz allein.
Heinz kann gut malen. Einfache, ausdrucksstarke Bilder malt er auf seine Weise mit höchster Hingabe. Hunderte, ja wahrscheinlich tausende stapeln sich in seiner Wohnung.
In der Adventszeit leistet Heinz einen Beitrag zur Dekoration des Cafés. Das ist ihm sehr wichtig. Wir müssen ihn aber jedes Mal ausdrücklich darum bitten. Trotzdem hat er schon eine Idee parat, die er gut vorbereitet hat.
Heinz kommt mehrmals pro Woche ins Café Yucca. Er trinkt seinen Kaffee oder kauft sich ein Nachtessen. Oft spielt er eine Partie Schach mit anderen Gästen und manchmal spielt er auf der Gitarre.
Mit ihm kann man keine langen oder tiefgründigen Gespräche führen. Lieber spricht er mit sich selber. Trotzdem sind wir Mitarbeiter und die Gäste ein fester Bestandteil seines Lebens, Bezugspersonen sicher, so etwas wie seine Familie, vielleicht auch seine Freunde.

Enrico kann sich das Paradies nicht leisten

Enrico kommt ursprünglich aus Osteuropa und ist heute in Zürich angekommen. Seit mehreren Jahren ist er bereits in Europa unterwegs. Er hat in Spanien und Italien gearbeitet, doch es wurde immer schwieriger für ihn. Zuhause sieht er keine Zukunft, sagt er. Es gibt dort keine Arbeit für einen wie ihn, er ist Roma.
Hier sieht es für Enrico nicht besser aus. Er hat keinen Beruf erlernt. Er kann unsere Sprache nicht und er begreift nur schlecht, wie unser Alltag funktioniert. Er hat keine Aufenthaltsbewilligung, die braucht er, wenn er eine Arbeit finden will.
Ob wir ihm nicht helfen könnten, fragt er, für Essen, Wohnen, Kleider und vielleicht auch Arbeit. Er möchte so leben wie wir, und meint, hier sei doch das Paradies. Wir fragen ihn, ob er gesehen hat, was das Paradies kostet, ein Kaffee im Restaurant oder ein Essen. Allein für die Krankenkasse braucht er mindestens 300 Franken, bei ihm zuhause ist das mehr als ein Monatslohn.
Das, was er möchte, können wir ihm nicht geben. Wir organisieren ihm für die nächsten sieben Nächte ein Bett. In der Zeit kann er auf eigene Faust versuchen Arbeit zu finden.
Heute bekommt er von uns ein Nachtessen und einen Kaffee und selbstverständlich kann er, wie alle Gäste, jeden Tag um 12 und 21 Uhr gratis Suppe erhalten. Alles andere müssen wir von Tag zu Tag schauen und besprechen.
Wenn er wieder kommt, können wir ihm das Ticket für eine einmalige Rück- oder Weiterreise finanzieren. Wir machen eine Kopie von seinem Ausweis und erschrecken. Er ist gerade etwas über dreissig, wir hätten ihn eher für fünfzig gehalten.